Dienstag, 27. Dezember 2016

Leseprobe: Reiterleben ist hart (Sportinternat Waldeck 1)

 


Mein Kopf lehnte an der Scheibe unseres Autos. Straßenpfosten nach Straßenpfosten schien an uns vorbei zu fliegen. Naja, der Blick täuschte. Eigentlich zogen wir auf der Autobahn an ihnen vorbei. Für mich eine Fahrt ins Ungewisse. Obwohl, so genau stimmte das eigentlich auch nicht. Ich wusste schon, was auf mich zukam. Zumindest in etwa. Meine Begeisterung darüber hielt sich allerdings in Grenzen. Grund zum Jubeln sah ich jedenfalls nicht.
Meinem Vater fiel es ebenfalls nicht leicht. Mit jedem Kilometer, den wir hinter uns brachten, schien es auch ihm schwerer zu fallen. Das sah ich an seinem immer traurigeren Gesichtsausdruck. Doch wir waren uns ja alle einig gewesen, besonders wir beide und Romy, meine kleine Schwester. Es war einfach die beste Lösung für uns alle. Genauer gesagt, die Praktischste. Seit das mit Mama war, dann Romy, Oma Lene und nun auch mit unserer Perle Helene … okay, vielleicht sollte ich mal von vorne anfangen. Nicht ganz von vorne, aber von da an, als unsere Probleme anfingen.
*

Es war vor fast vier Jahren, ich war gerade elf Jahre alt geworden und Romy acht, als ich nachts von lauten Geräuschen wach wurde. Getrappel in unserem Hausflur und laute Stimmen drangen durch die geschlossene Tür in mein Zimmer. Die Aufregung im Haus war fast zu spüren, so greifbar schien sie. Und das machte mir damals mächtig Angst. Erst als endlich Ruhe einkehrte, stand ich auf und traute mich aus meinem Zimmer. Im Haus war alles dunkel, nur ein Hauch eines Lichtschimmers kam aus unserem Wohnzimmer.
    Barfuß tapste ich dort hin, um nachzusehen, wer sich dort aufhielt. Es war Oma Lene, Mamas Mutter, die unter der Leselampe im Sessel saß. Im Lichtschein sah ich, dass ihr ein paar Tränen über die Wangen gelaufen waren. Ich ging zu ihr. Erst als ich kurz vor ihr stand, bemerkte sie mich und sah auf.
„Oma? Was machst du denn hier? Und warum weinst du?“, wollte ich wissen.
Traurig klopfte sie mit der Hand leicht auf die Lehne, ich setzte mich zu ihr und Oma legte einen Arm um mich. „Deine Mama, sie ist … im Krankenhaus.“
„Aber, warum denn, was ist denn los?“
Traurig sah Oma mich an. „Sie ist im Bad umgefallen. Dein Vater hat es gehört und den Krankenwagen gerufen.“
„Was ist mit Mama?“, wollte ich aufgeregt von ihr wissen.
„Ich weiß es selbst noch nicht, aber euer Vater ist mitgefahren. Wir müssen warten, bis er heimkommt.“
Ich kuschelte mich an Oma Lene und so warteten wir. Stunden vergingen. Als es draußen hell wurde, kam Papa nach Hause. Ich sah ihn zum ersten Mal in meinem Leben weinen. Mama hatte ihre Herzattacke nicht überlebt.
*
Mein Blick aus dem Fenster wurde wieder klarer. Auf eines der blauen Schilder für die Autobahn Abfahrt `Bornheim` fiel mein Blick. Erst Bornheim. Mit gut eineinhalb, vielleicht sogar zwei Stunden Fahrt müssten wir rechnen, hatte Papa gemeint. Obwohl ich mir das Ziel mit ausgesucht hatte, kam es mir vor, als ob wir ans Ende der Welt fahren würden. Seufzend ließ ich wieder meine Gedanken schweifen.
Es dauerte nicht mal ein halbes Jahr, als uns der nächste Schicksalsschlag traf. Nach Mamas Tod waren Oma Lene und Opa Harry jeden Tag bei uns und kümmerten sich um Romy und mich, damit Papa weiter seinem Job nachgehen konnte. Bis Oma Lene eines Tages auf einer Treppe stürzte und sich einige üble Knochenbrüche im Bein zuzog. Seither ging sie an Krücken und Opa Harry musste ihr bei vielem im eigenen Haushalt helfen. Damals kam die erste Haushaltsgehilfin in unser Haus, die auch uns Kinder betreuen sollte. Die Frau klaute, was nicht niet- und nagelfest war. Die Nächste, die kam, war stinkfaul und tat noch weniger, als das Nötigste. Dann kam Helene. Sie war genau das, was immer mit `Perle` gemeint war. Für uns Mädchen wurde sie mit der Zeit sowas wie eine Freundin. Alles schien sich jetzt wieder etwas einzupendeln, auch wenn wir Mama immer noch sehr vermissten.
Wieder schaute ich aus dem Fenster. Wir wechselten gerade am Kreuz Alzey die Autobahn. Weiter Richtung Süden, weiter Richtung … naja, für mich ins Exil. Ich versank wieder in meinen Gedanken.
*
 Das Glück, das mit Helene zu uns kam, war uns nicht gegönnt. Romy war gerade zehn geworden, als das Pech schon wieder volle Breitseite zuschlug. Als ich eines Mittags nach Hause kam, wunderte ich mich, dass niemand zu Hause war. Gut, Papa war um diese Zeit eh immer auf der Arbeit, ab und an kam es vor, dass Helene noch nicht von Einkäufen und Besorgungen zurück war. Doch nicht mal Romy, die normalerweise immer vor mir heimkam, war da. Als ich in die Küche ging, fand ich das Telefon und den Zettel auf dem Tisch, auf dem stand: `Solveig, ruf mich bitte mal an, wenn du zuhause bist. Es ist dringend! Helene.` Darunter ihre Handynummer. Solveig. Normalerweise nannte sie mich wie alle anderen Sally.

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