Montag, 3. April 2017

Leseprobe: Turnierluft (Sportinternat Waldeck 2)


Nach einer verdammt unruhigen Nacht, in der ich nicht viel geschlafen hatte, wurde ich wach, noch bevor der Radiowecker mit Musik auf mich einschlug. Als ich die Augen öffnete, war ich zuerst einmal verwirrt und wusste nicht, wo ich war. Nach und nach fiel mir dann alles wieder ein: ich war im Internat.
In den letzten Jahren hatten wir verdammt viel Pech gehabt. Erst starb Mama. Dann hatten Oma, meine Schwester und unsere Hausperle Helene schwere gesundheitliche Probleme bekommen und Paps musste zu allem immer mehr arbeiten, um seinen Job nicht zu verlieren. So war bei uns zu Hause eher das Chaos ausgebrochen, als dass wir ein normales Leben führen konnten. Letztendlich hatten wir entschieden, dass Romy in eine Wohngruppe für körperlich eingeschränkte Jugendliche zog und ich hatte mich für dieses Internat entschieden. Auf diese Weise konnte sowohl Romy weiter mit ihrer Sportgruppe trainieren und ich regelmäßig reiten, statt mich um meine Schwester und so wahnsinnig vieles im Haushalt kümmern zu müssen. Und Paps musste sich keine Gedanken mehr um uns machen, wenn er wegen dem Job oft tagelang unterwegs war. Gestern, pünktlich zum neuen Schuljahr, war ich hier angekommen und heute wird es nun für mich so richtig mit dem Internatsleben losgehen.
*
Seufzend kletterte ich aus dem Bett und schlurfte ins Bad. Nach einer Katzenwäsche schlüpfte ich in eine meiner ältesten Jeans, ein T-Shirt und meine Turnschuhe. Da es draußen noch ziemlich neblig war, zog ich mir noch einen Sweater über und packte meine Stallschuhe in eine Tüte. Dann verließ ich mein Zimmer und lief hinunter in die Eingangshalle des Gebäudes.
Nach und nach trudelten auch noch andere Schülerinnen und Schüler ein. Irgendwann konnte ich auch Saskia und Lucy in dem Gewühle ausmachen und ging zu ihnen hinüber.
„Na, wie hast du geschlafen?“, fragten sie neugierig und Lucy fügte noch an: „Meine Oma sagte ja immer, es erfüllt sich, was man im neuen Zuhause träumt, oder sowas in der Art.“
„Keine Ahnung“, gähnte ich vor mich hin, „ich bin ewig nicht eingeschlafen und das Einzige, woran ich mich erinnere ist, als ich wach wurde.“
„Mach dir nichts draus, das ging uns fast allen am Anfang so. Du gewöhnst dich bestimmt schnell daran, hier zu sein“, munterte Saskia mich auf.
Bald kamen auch noch ein paar andere Schüler zu uns. „Dies sind übrigens Jan, Björn, Antje und Sabine. Die kommen auch lieber schon morgens mit in den Stall als sich irgendetwas sportliches anzutun“, stellte Lucy mir die Mitreiter vor und Saskia erzählte ihnen, wer ich war.
Als auch noch Leona bei uns eintraf, gingen wir zu unserem Bus. Diesmal kam mir die Fahrt schon viel kürzer vor und ich freute mich schon darauf, Rasputin wieder zu sehen. Als wir am Hof ausstiegen kam Marc schon direkt zu uns.
„Ge Morje, Kinnas!“, begrüßter er uns fröhlich in tiefstem saarländischen Platt. „Kommt mal mit, ich hab zuerst mal eine Überraschung für euch!“
Gespannt folgten wir ihm in den alten Teil des Hofes und ging nach links auf eine Tür direkt neben der Reiterklause zu.
„Was willst du denn in der alten Waschküche?“, gab Saskia entsetzt von sich. „Da gibt’s doch nur Spinnen und Mäuse!“
Doch Marc grinste nur und öffnete die Tür: „Tatatataaa! Überraschung! Lena und ich waren in den Ferien fleißig, jetzt müsst ihr eure Sachen nicht immer hin und her schleppen, sondern könnt sie hier unterbringen.“
Wir traten ein und besonders diejenigen, die schon länger hier waren, stießen Freudenschreie aus.
„Mensch, das ist ja mal cool“, gab Lucy erfreut von sich. „Genau sowas hat uns hier noch gefehlt!“
Ich sah mich um. Die Wände waren sonnengelb gestrichen und rundum an den Wänden entlang standen ein paar einfache Schränke, die sogar abgesperrt werden konnten. Dort konnten wir bequem Reithelme, Stiefel, Stallschuhe und was wir sonst jeden Tag so brauchten unterbringen. In der Mitte des Raumes standen auch zwei Bänke.
„Sollen wir auslosen oder könnt ihr euch die alleine aufteilen?“, wollte Marc dann wissen.
„Ach, das schaffen wir schon selbst“, meinte Björn.
Gut, wir hatten den Vorteil, die ersten der Reitschüler zu sein, aber dafür machten wir ja auch die Stallarbeit. Schnell hatte jeder einen Schrank für sich gefunden und nachdem wir die Schuhe gewechselt hatten, gingen wir in den Stall. Nachdem wir alle unsere Pflegepferde begrüßt hatten, teilte Marc uns schnell ein und ich sollte mit Antje erst die Heuraufen füllen und dann das Kraftfutter richten. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Heuraufen der Boxen riesengroß waren. Dazu kamen noch welche auf dem Auslauf. Zu zweit ließ sich der große Heuwagen gut schieben und da ich mit Antje Hand in Hand arbeitete, als ob wir noch nie etwas anderes gemacht hätten, waren wir damit schnell fertig. Auch die Eimer hatten wir recht schnell mit Kraftfutter gefüllt, nachdem mir Antje mit wenigen Worten den Futterplan erklärt hatte.
Gerade als wir damit fertig waren, schaute Marc in die Futterkammer: „Na, ihr seid ja so ruhig. Bist du etwa auch so ein Morgenmuffel wie Antje?“
„Eigentlich schon. Nur heute ist es … naja, ist ja alles noch neu für mich“, gab ich etwas unsicher zurück.
Er grinste. „Da habe ich ja die beiden richtigen zusammengesteckt. Wenn zwei quasseln wollen, okay. Wenn keiner was sagt, ists auch gut, dann gibt es morgens wenigstens keinen Stress, weil einer den anderen zutextet.“
In dem Moment spürte ich, wie mir etwas schwindlig wurde und ich ins Schwanken kam. Schnell packte mich Marc und ließ mich langsam auf den Boden gleiten.
„Alles okay mit dir?“, erkundigte er sich besorgt. Fältchen zogen sich dabei über seine Stirn.
Ich nickte. „Geht schon wieder.“
„Hast du etwas gegessen?“
Ich schüttelte den Kopf. Menno, war mir das unangenehm. Auf so eine doofe Art wollte ich eigentlich nicht schon gleich am ersten Tag auffallen. Nachher hielten mich alle noch für so ein zartes Püppchen! Man konnte mir viel nachsagen. Manchmal sogar, dass ich stur und eigensinnig war, aber nicht, dass ich mich vor der Arbeit drückte!
„Bleib mal einen Moment sitzen“, bat er mich und ging hinaus. Gleich darauf kam er auch schon zurück und drückte mir einen Müsliriegel in die Hand. „Hier, iss den mal, dann wird’s dir gleich wieder bessergehen. Und ab morgen hast du dann wenigstens etwas im Bauch, wenn ihr herkommt. Wenn es auch nur mal ein Apfel, eine Banane oder eben einfach so ein Müsliriegel ist. Okay?“
Ich nickte wieder nur, packte den Riegel aus und aß ihn. Schon nach den ersten Bissen merkte ich, dass es mir besserging und das Schwindelgefühl nachließ. „Danke“, murmelte ich und stand dann langsam wieder auf.
„Geht’s wieder?“, wollte Marc dann noch zögerlich wissen.
„Ja, geht wieder. Und morgen esse ich auch was. Heute Morgen war ich einfach viel zu aufgeregt.“
„Da bist du nicht die Erste, der das so geht. Kannst du weitermachen?“
„Klar, aber wir waren sowieso gerade fertig.“
„Dann setz dich doch hier vor dem Stall auf die Bank, bis die Anderen fertig sind.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich würde gerne nochmal nach Rasputin sehen.“
Marc nickte und ging dann wieder seiner Arbeit nach, während ich mich unter dem Zaun durch duckte und zu Rasputin ging. Der hübsche Rappe sah auf, als ich zu ihm trat. Leise sprach ich mit ihm, während ich ihn hinter den Ohren kraulte, bis Saskia hinter mir rief: „Futter!“ Daraufhin setzten sich alle Pferde, die nicht sowieso schon ungeduldig vor dem Stall standen, in Bewegung und gingen in ihre Boxen. Hinter ihnen machte Saskia die Türen zu und auch ich ging zurück zum Stall.

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